Ïðîåêò "Ñðåäà îáèòàíèÿ" ïðåäñòàâëÿåò:

 

 

Åëåíà Çåéôåðò

ïîýò, äîêòîð ôèëîëîãè÷åñêèõ íàóê

 

Nina Paulsen

Die Literatur der Russlanddeutschen sollte zu einer Fiktion verkümmern, hat sich aber in ein Phänomen verwandelt

 

Elena Seifert: Literatur und ihre Gattungen widerspiegeln

das ethnische Weltbild einer Volksgruppe

 

„Die Russlanddeutschen als Ethnie sind eine paradoxe Erscheinung, es ist eine junge Volksgruppe, die genetisch zu einer reifen deutschen Ethnie aufsteigt., sagt Elena Seifert (34) – Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin, Prosaikerin, Dichterin und Kinderschriftstellerin aus Karaganda. Die begnadete Autorin und Dozentin der Staatlichen Universität Karaganda ist außerdem Preisträgerin einer Reihe von Literaturwettbewerben und Literaturpreisen, Verfasserin einiger Monographien, mehrerer Sammelbände und Literaturalmanache. Ihre jüngste Arbeit, die 491 Seiten starke Doktordissertation zum Thema „Gattungsprozesse in der Poesie der Russlanddeutschen der zweiten Hälfte des 20. - Anfang des 21. Jh.“ hat sie eben abgeschlossen. Damit beweist sie unter anderem, dass „die Literatur insgesamt kann das ethnische Weltbild widerspiegeln, und die Gattung ein bestimmtes Fragment des Daseinsgeschichte einer Ethnie darstellen“.

„Die russlanddeutschen Schriftsteller sind eine Erscheinung, die vom wissenschaftlichen Gedanken noch nicht wirklich erschlossen worden ist. Die Schwierigkeit der Erfassung ihres Kontingents ist bedingt durch eine mehrdeutige Identifizierung der Russlanddeutschen“, so der berechtigte Ausgangspunkt ihrer Studie.

Sie selbst fühlt sich jedenfalls wohl in der russischen wie in der deutschen Kultur. Schon ganz früh hat sie sich für Bücher interessiert, ihr Großvater mütterlicherseits und der Vater, ein leidenschaftlicher Leser und Poesieliebhaber, hatten eine beneidenswerte Hausbibliothek zusammengetragen. In dieser kreativen geistreichen Atmosphäre ist Elena in der Familie einer Ärztin und eines Ingenieurs aufgewachsen – als Freigeist, der sich nicht einengen lässt.

Mit drei lernte sie lesen, mit sieben bastelte sie ihr erstes handgeschriebenes Büchlein, illustriert ebenfalls in Eigenregie. Als Schülerin begann sie Geschichten zu schreiben, die Hefte mit ihren literarischen Impressionen gingen von Hand zu Hand unter den Schülern. Ernsthaft wird es erst nach der Schule und während des Studiums der Philologie; Elena selbst meint, ihr erstes Gedicht „Das Apfelsinen-Mädchen“ habe sie mit 20 verfasst.

Seitdem ist sie im ständigen kreativen und künstlerischen Forschungsprozess, auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Ihre Vorbilder, bei denen sie in die geistige Schule ging, sind die Klassiker der russischen Literatur aus ganz verschiedener Zeitabschnitten und unterschiedlichen literarischen Richtungen. Elena Seifert legt sich nicht gern fest, sie möchte sich die Freiheit bewahren, eine Grenzgängerin in der Literatur zu sein.

Und so ist sie stets neugierig auf alles Neue und auf neue Herausforderungen. Zu einer solchen Herausforderung ganz besonderer Art ist für sie die jüngste Studie geworden: Es könnte aber auch sein, dass diese Herausforderung schon länger in ihr schlummerte, indem sie die Faszination der Literatur der Russlanddeutsche mit ihrer wechselvollen, bewegten und bewegenden Geschichte auf sich einwirken ließ und die sie schon lange nicht mehr losließ.

Bereits im Vorfeld ihrer Doktorarbeit tastete sich die Literaturwissenschaftlerin an das komplexe Thema heran, versuchte verschiedene Aspekte der russlanddeutschen Literatur immer wieder in Worte zu fassen – in Form von Buchkritiken, Autorenporträts oder Aufzeichnungen zu verschiedenen theoretischen Fragen. Auch als Dozentin, die gern mit jungen Menschen arbeitet, trat sie an das zukünftige Thema der Dissertation heran, indem sie einen Sonderkurs für Studenten an der Uni „Russlanddeutsche Schriftsteller: ethnisches Weltbild und Gattungsprozesse“ leitete, für den sie zuvor fast acht Jahre lang Material sammelte.

Was Elena Seifert anfasst, gelingt ihr auch, denn sie geht nicht nur mit umfangreicher Fachkenntnis an die Sache heran, sondern auch mit viel Akribie und einer Begeisterungskraft, die bei ihr die sprichwörtlichen Berge versetzen. Dieses inzwischen riesige Gebilde – die bizarre Welt der tragischen russlanddeutschen Ethnie - betrachtet Elena nicht als Außenstehende, sondern mit viel Herz und Leidenschaft, bis ins Innerste fasziniert von der Energie, die diese mehrmals auf die Probe gestellte Literatur ausstrahlt.

Sie ist in das Dissertationsthema so tief eingedrungen, wie es vor ihr noch keiner getan hatte. Bisher wurden die Gattungen auch noch nie im Kontext des ethnischen Weltbildes und der nationalen Schlüsselbegriffe analysiert. Damit schließt Elena Seifert nicht nur eine Lücke, indem sie die Literatur der Russlanddeutschen als eine souveräne Literatur mit einem künstlerischem Potential betrachtet. .

Schon im Vorfeld hatte sie über 86 Arbeiten zu den Gattungsfragen und an die 73 Beiträge zur russlanddeutschen Problematik veröffentlicht. Hunderte Personen wurden im Rahmen der Forschungsstudie befragt und von Dutzenden erhielt sie wertvolle Informationen. 711 Einzel- und Sammelbände von etwa 406 russlanddeutschen Autoren hatte die Wissenschaftlerin unter die Lupe genommen, dafür standen ihr weitere 575 Quellen zur Verfügung. Die wichtigsten Thesen der Dissertation wurden von Elena Seifert bereits bei mehr als 26 wissenschaftlichen Konferenzen vorgestellt.

Nina Paulsen hat die junge Literaturwissenschaftlerin aus Kasachstan zu den Schwerpunkten ihrer Doktorarbeit zu anderen Aspekten ihres vielfältigen Engagements in der Literatur und für die Literatur ausgefragt.

 

Nina Paulsen:

Ihre Monographie „Gattungsprozesse in der Poesie der Russlanddeutschen der zweiten Hälfte des 20. Jh. Anfang des 21. Jh.“ könnte gleichzeitig die Antwort auf die „Gretchenfrage“ der Literatur der Russlanddeutschen sein, ob sie „Einbildung und kindisches Irrtum“ (Johann Warkentin) oder „an sich ein bewundernswertes Phänomen“ (Hugo Wormsbecher) sei. Wäre es sonst möglich, in einem Werk von ca. 491 Seiten einem Phantom nachzujagen? Was bedeutet für Sie die Literatur der Deutschen in/aus der ehemaligen Sowjetunion?

 

Elena Seifert:

Die Äußerungen von Johann Warkentin und Hugo Wormsbecher, der bekannten Vertreter unserer Literatur, für die die Anliegen der Russlanddeutsche etwas Lebenswichtiges und gleichzeitig Schmerzliches sind, wiåderspielen (??) im Grunde verschiedene Facetten derselben Erscheinung... Die fatale Lage, in die unsere Literatur während des deutsch-sowjetischen Krieges und bei ihren weiteren Etappen (hier beschreibt das deutsche Wort „Etappe“, das im Russischen auch die Bedeutung «der Weg in die Verbannung» hat, am genauesten den Entwicklungsweg der russlanddeutschen Literatur) geraten war, sollte sie zu einer Fiktion verkümmern lassen, hat sie aber in ein Phänomen verwandelt. Das sowjetische Dogma hat die Literatur der Sowjetdeutschen zwar nicht vernichtet (zum Glück!), aber doch entschieden verstümmelt.

Mit der Erforschung der Literatur der Russlanddeutschen beschäftige ich mich seit über acht Jahren; die Vorstellung von ihr geht aus dem eigentlichen Forschungsmaterial hervor und hat sich im Laufe der Analyse noch mehr herauskristallisiert. Für mich als Wissenschaftlerin ist der Weg von der Empirik bzw. Erfahrung bis hin zur Theorie als einer der richtigsten.

Am eindringlichsten habe ich die russlanddeutsche Literatur der zweiten Hälfte des 20. – Anfang des 21. Jahrhunderts erforscht. Diese Periode ist die schwierigste, die komplexeste für die Russlanddeutschen, die in diesen Jahrzehnten Deportation, Trudarmija, Sondersiedlung, vergebliche Versuche einer Wiederherstellung der deutschen Wolgarepublik sowie den Ausgang nach Deutschland erlebten...

In solchen schicksalhaften Zeitabschnitten zeigt eine Ethnie besonders deutlich und intensiv ihre nationale Prägung. Es gibt eine wissenschaftlich begründete Version von Arkadij German, Tatjana Illarionowa, Igor Plewe darüber, dass dass man über die Russlanddeutschen als eine endgültig ausgeprägte Volksgruppe erst nach 1941 sprechen kann, die historischen Einschnitte haben die Russlanddeutschen, die sich bis dahin nach den angestammten Ansiedlungsgebieten eher trennten, in eine Schicksalsgemeinschaft verwandelt. Hugo Wormsbecher benennt dagegen das symbolische, bedingte Datum der Geburt der Russlanddeutschen als Ethnie wie folgt: «1764 sind die ersten deutschen Kolonisten auf Einladung der Zarenregierung aus deutschen Landen an die Wolga gekommen, und der Tag ihrer Ankunft in die unbewohnte Wolgasteppe ist zum Geburtstag eines neuen Volkes geworden.» In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten die Russlanddeutschen, die als Ethnie trotz aller Widrigkeiten überlebt hatten, ihre zweite Geburt.

Die Literatur der Russlanddeutschen ist eine außergewöhnliche künstlerische Erscheinung, die von einer unverwechselbaren jungen Ethnie hervorgebracht worden ist, deren Schicksal voller historischen Verwicklungen ist. Sie ist ein Teil der Weltliteratur. Zwar hat sie auf ihrem Entwicklungsweg die Einflüsse der deutschen und der russischen Kultur in sich aufgefangen, dennoch ist die Literatur der Russlanddeutschen ethnisch selbstständig. Eine positive Tatsache ist die Zweisprachigkeit der Literatur der Deutschen aus Russland: Laut der Theorie des bekannten Philologen J. Lotmann beginnen eine beliebige Sprache, eine Literatur bzw. ein Text eine neue Energie zu generieren, sobald sie in Berührung mit einer anderen Sprache oder Literatur kommen. Die Literatur der Russlanddeutschen ist marginal, aber da sie sich in der künstlerischen Peripherie befindet, beginnt sie ihre Kräfte zu sammeln, um in den Mittelpunkt des Literaturgeschehens zu gelangen. Heute ist unsere Literatur im Zeitabschnitt ihrer Systematisierung angelangt.

 

Sie verfolgen jahrelang die Entwicklungen in der Literatur und Literaturszene der Russlanddeutschen, sowohl in der alten Heimat als auch in Deutschland. Nach zahlreichen wissenschaftliche Beiträge zur russlanddeutschen Literaturproblematik nun diese fundierte Arbeit, die einen tiefgreifenden Einblick nicht nur allein in die verschiedenen poetischen Gattungen bietet. Worauf beruht Ihr Interesse für die Literatur der Russlanddeutschen? Haben Sie einen persönlichen Bezug? Oder hat gerade ein Forscher, der von außen kommt und eine gewisse Distanz zum Thema hat, bessere Voraussetzungen, objektiv und unvoreingenommen zu urteilen?

 

Für mich ist sehr wichtig, die Literatur der eigenen Volksgruppe zu erforschen, das ich selbst eine Russlanddeutsche bin. Vermutlich hat jeder Mensch seine eigene ethnische Mission. Und offensichtlich war es meine als Literaturwissenschaftlerin und Lyrikforscherin, eine weitschichtige theoretische Analyse der russlanddeutschen Poesie vorzunehmen. Nicht von ungefähr habe ich ein tiefgreifendes Interesse für meine nationalen Wurzeln und die Erkundung der russlanddeutschen Literatur, die sich vor allem 1998 verstärkte, als ich eine qualifizierte Fachwissenschaftlerin wurde. Ich kann mich noch gut erinnern, wie aufrichtig froh und stolz mein Vater war, als ich ihm das Thema meiner neuen Studie mitteilte. Er, ein typischer Russlanddeutscher, mit einem schwierigen, verzerrten Schicksal, erahnte darin den Geist der Erneuerung der eigenen Kultur, ihre Freiheit. In seiner Jugend war das unmöglich...

...Ich erinnere mich an das “kleine Poem” von Nelli Wacker “Ich bitte ums Wort!”, wo die Stimme des repressierten Vaters seine Tochter anfleht, die Wahrheit über sein Schicksal zu erzählen. In ihren Briefen an mich verriet Nelli Wacker, dass ihre «kleinen Poeme» einen besonders tiefen persönlichen Bezug hatten. Also können wir über das Persönliche das Kennzeichnende zeigen. So kann jeder Mensch für die Literatur und die eigene Volksgruppe (denn es ist ja seine große Familie) nach Kräften etwas tun.

Bei der Lektüre der aufschlussreichen Aufzeichnungen von Herold Belger über die russlanddeutsche Literatur oder der sehr subtilen Entdeckungen auf diesem Gebiet von Konstantin Ehrlich - sehe ich in diesen Arbeiten die irdischen Aufgabe dieser begnadeten Persönlichkeiten. Die Bücherregale mit Büchern von russlanddeutschen Autoren nehmen in meiner Wohnung einen besonderen Platz ein, sie strahlen eine starke Energie aus.

Zweifelsohne sollen nicht nur die Russlanddeutschen selbst ihre Literatur erforschen. Vertreter anderer Nationalitäten können als Außenstehende bei ihren Forschungsreisen durch unsere Literatur zusätzliche, von Innen heraus bisher scheinbar unsichtbare, künstlerische Gesetze und Tendenzen aufspüren. Die Kritiker und Wissenschaftler, die die russlanddeutsche Literatur thematisieren, kann man nach dem Herkunftsprinzip unterteilen: das sind Russlanddeutsche (Herold Belger, Konstantin Ehrlich u.a.), bundesdeutsche Deutsche (Annelore Engel-Braunschmidt, Alexander Ritter u.a.) sowie Vertreter anderer Nationalitäten (Lubow Kirjuchina, Alima Skagiewa u.a.). Und nur durch gemeinsame Bemühungen kann ein vollständiges, lebensvolles, wahres Bild entstehen.

 

Bekanntlich ist das Schaffen der russlanddeutschen Schriftsteller und Dichter, in welcher Sprache auch immer, meist einem engeren Kreis bekannt. Wie versuchen Sie, die Werke russlanddeutscher Autoren zu popularisieren?

 

Es stimmt. Unsere meisten Autoren sind wenig bekannt bzw. nur einem geschlossenen Kreis zugänglich, deshalb sollte man jede Möglichkeit nutzen, um ihr Werk an die Öffentlichkeit zu bringen (publik zu machen). Ich habe das Glück, russlanddeutsche Autoren in wissenschaftlichen Publikationen, darunter auch in Zeitschriften, die von den höchsten Attestationskomitees Russlands und Kasachstans empfohlen wurden, vorstellen zu dürfen... Zum Beispiel ist der Artikel über das volkstümliche Poem von Igor Hergenroether „Die Sage von Lothar Bitsch“ in der Moskauer Zeitschrift „Russische Sprache im Ausland“ erschienen, illustriert mit Fragmenten des Manuskriptes, früheren Redaktionen des Poems, Bildern des Schriftstellers. Das heißt, über das Leben und Schaffen von Igor Hergenroether haben zahlreiche Leser erfahren. Auch Beiträge über andere russlanddeutsche Autoren sind in den wissenschaftlichen Zeitschriften „Fragen der Philologie“, „Alma Mater. Bote der Hochschule“, „Nachrichten der höheren Bildungsanstalten“, „Bote der Kasachischen Nationalen Universität namens al-Farabi“, „Eurasien“, „Poisk/Forschung“ und anderen veröffentlicht worden. Diese und ähnliche Publikationen haben schon eine breitere wissenschaftlich interessierte Leserschaft.

Ich beschäftige mich leidenschaftlich mit dem Thema der russlanddeutschen Kultur auch als Journalistin und Publizistin. Auf diesem Gebiet ist das Material so lebendig und sichtbar, als ob er Gestalt annimmt...

Mein Bestreben ist, in die russlanddeutsche Wirklichkeit einzutauchen, mich größtmöglich in die Psychologie der russlanddeutschen Autoren hineinzuversetzen und gleichzeitig ihr Schaffen wirkungsvoll zu popularisieren. So ist dann auch aus diesem Wunsch heraus eine Skizzenreihe über russlanddeutsche Schriftsteller entstanden: Alexander Schmidt, Robert Leinonen und Nelli Wacker, um nur einige zu nennen, sowie Interviews mit Igor Hergenroether, Waldemar Weber, Nadja Runde, der Witwe von Viktor Schnittke Jekaterina Kasjonnowa-Schnittke, den Verlegern Robert Burau und Alexander Barsukow. Diese Beiträge sind in den Zeitungen “Deutsche Allgemeine Zeitung”, “Moskauer Deutsche Zeitung”, “Diplomatischer Kurier. Russlanddeutsche Allgemeine Zeitung”, “Ost-West-Panorama”, “Kontakt” sowie den Zeitschriften „Prostor“, „Niwa“, dem Almanach „Piligrim“, „Literaturblätter“und anderen veröffentlicht worden. Es gibt auch die Idee, ein Sammelband der Publizistik herauszugeben.

 

Sie sind ja nicht nur als Dozentin und Wissenschaftlerin aktiv, sondern auch als Dichterin und Prosaikerin, Sie schreiben viel für Kinder und Jugendliche, und Sie engagieren sich auf dem Gebiet der Verlagstätigkeit. In welchem Bezug steht ihr eigenes Schaffen zu dem Thema der Russlanddeutschen?

 

Die Thematik der Volksgruppe interessiert mich nicht nur in literaturwissenschaftlicher Hinsicht, sondern auch im eigenen künstlerischen Schaffen. In meine Gedichte ist das Thema früher als in meine literaturwissenschaftliche Tätigkeit eingezogen - das ist die Herzenssprache. In Karaganda, der “Hauptstadt” der deportierten Sowjetdeutschen (jeder zehnte Bewohner der Stadt war zu Sowjetzeiten ein Deutscher) geboren zu sein und das Schicksal der verbannten Volksgruppe nicht zu Herzen zu nehmen, ist unmöglich, auch wenn man kein Deutscher ist...

Hier einige Fragmente meiner Schicksalsgedichte:

 

<…>

Àëåêñ, â òî æå âðåìÿ ãðîì÷å æèçíè

ß, íåìàÿ íåìêà, ñëûøó çîâ

Ãîëóáûõ êðîâåé ìîèõ îòöîâ

È âíå ñëîâ âáèðàþ ãëóáü ñòèõîâ

Ðèëüêå, Áîæåñòâà â ìîåé îò÷èçíå –

 

Íà Ïàðíàñå. Ñàøà (Àëåêñ!), ñ íàìè

Ñèëà êðåñòíàÿ è, âèäíî, íàâñåãäà –

Ïèòåð òâîé, ìîÿ Êàðàãàíäà,

Ãäå â Êàðëàãå íåìöû øòàáåëÿìè

Ýìèãðèðîâàëè â íèêóäà.

(“Àëåêñàíäðó Àáåçãàóçó â Ãåðìàíèþ”)

 

 

Ðîò, âìåùàþùèé äâà ÿçûêà.

Vater, Îò÷å, ñêàæè, ÷üÿ äî÷ü ÿ?

Òî÷èò êèðõó íà äíå ðåêà…

“Òâîé óäåë – òåðïåòü, Russlanddeutsche…”.

 

Äâå äóøè èñòîìèëèñü â ãðóäè.

Ñåðäöå! Herz! “Èññÿêàåò àîðòà”.

Ãîëîñ! Stimme! “ß ñëàá è îäèí”.

Liebe Heimat! “Íà êàðòå ÿ ñò¸ðòà”.

 

Ðæàâûé ïëóã êàê ìîãèëüíûé êðåñò.

Ëþòåð – â âåòîøü çàâ¸ðíóòîé êíèãå…

Âîëãà! Mutter! È â òûñÿ÷å ìåñò

îñòà¸ìñÿ ìû Wolganigger.

 

 îò÷åì äîìå õî÷ó äîìîé…

Ïðåäîê! “Êîñòè ëåæàò â Êàðëàãå”.

Êèðõà! “Êîëîêîë ìîé íåìîé”.

Íèáåëóíãè! “Òû âåðèøü â ñàãè?..”.

 

<…>

Äâå êóëüòóðû, äâà äóõà… Âäâîéíå

íàì äîñòàíåò ðîäèòåëüñêîé ðå÷è…

Ïëóãè íåæíû íà íîâîé ñòåðíå

ïðåæíèõ êëàäáèù… Îçèìûå êðåï÷å.

(“Russlanddeutsche”)

 

Zur Literatur der Russlanddeutschen und ihren Entwicklungsprozessen gibt es heute zwar eine reichhaltige Bibliographie, aber nach wie vor keine umfassende, tiefgreifende Literaturgeschichte, die verschiedene Aspekte in ihrer ganzen Komplexität und aus verschiedenen Perspektiven durchleuchten und analysieren würde. Vor allem die Nachkriegsliteratur der Russlanddeutschen stand in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach im Fegefeuer der Kritik, die ebenso kontrovers und widerspruchsvoll wie die Literatur selbst blieb. Auf einer Seite „Opportunität führte die Feder der meisten Literaten“ und „Sprache und Phantasie gehen am künstlerischen Bettelstab“ (Dr. Alexander Ritter, Hamburg, NL 1991), „Literatur als Gebrauchsartikel des Identitätsnachweises“ (Ljubow Kirjuchina, NL 1999) oder „Die russland-deutsche Literatur hat keine Zukunft... Der Begriff russland-deutsch hat in Deutschland keine Bedeutung mehr...“ (Nora Pfeffer, Europa-Express 2004) und auf der anderen „Die Memoirenliteratur – eine europäische Chance für die russlanddeutsche Literatur“ (Ingmar Brantsch OE 2000) oder „Die Existenz der russlanddeutschen Literatur stellt ihre höchste Leistung dar“ (Hugo Wormsbecher, HB 2006). Diese schwierige umstrittene Problematik wurde auch in der jüngsten Zeit, als man es frei tun könnte, nie öffentlich ausdiskutiert. Was sagt Ihre Studie in diesem Kontext aus? Was ist ihre Botschaft? Welche Lücken schließt sie aus Ihrer Sicht?

 

In meiner Dissertationsarbeit habe ich den Versuch unternommen, mich über die Analyse der Gattungslandschaft der Poesie der Russlanddeutschen an ihre Mentalität heranzutasten. Die Möglichkeit der Erforschung der Mentalität einer bestimmten Volksgruppe anhand ihrer literarischen Texte ist nach der Meinung der Wissenschaftler sehr wohl gerechtfertigt.

Die Literatur der Russlanddeutschen stellt eine ausschließlich beziehungsreiche und vielschichtige Landschaft ihrer Selbstidentifizierung und Selbstorganisierung dar. Als Mitglied der Internationalen Assoziation der Forscher der Kulturgeschichte der Russlanddeutschen (Moskau) bereite ich zur Zeit einen Vortrag zu diesem Thema vor.

Alle erwähnten Standpunkte verschiedener Forscher oder Autoren sind insofern gerechtfertigt, weil sie ein gemeinsames Ziel haben – die schwierige komplexe Situation, in die unsere Literatur hineingeraten ist, zu klären, und ihr Wesen, das sich unter dem Druck der historischen Verwicklungen verändert hat, zu verstehen. Alexander Ritter, indem er in seinen aufschlussreichen Studien die russlanddeutsche Literatur als „ungeschriebenes Kapitel der Geschichte der deutschen Literatur“ betrachtet, sie dennoch nicht in das „deutsche Ausland” sondern in das „deutschsprachige Ausland” einreiht und ihr den Status einer “ignorierten Literatur” verleiht. Das deutet unter anderem darauf, dass er die russlanddeutsche Literatur nicht nur als Teil der deutschen Literatur betrachtet, sondern auch als eine eigenständige literarische Erscheinung.

Die Äußerung von Nora Pfeffer über die fehlende Zukunft der russlanddeutschen Literatur hat sich bisher angesichts zahlreicher Tatsachen ihrer standhaften Überlebenskraft nicht bewahrheitet – die Russlanddeutschen zeigen ihre nationale Prägung, die sich sowohl von der eigentlichen deutschen als auch von der russischen unterscheidet, ihre künstlerische Methode ist anders und unverwechselbar, durch das Entstehen neuer Publikationen und Vereinigungen wird die Literaturszene im weitschichtiger. Die Auswanderer, die vor fast 250 Jahren aus verschiedenen deutschen Fürstentümern in das Russischen Reich kamen, konnten auch nicht alle die gleichen ethnischen Eigenschaften aufweisen, weil die Herausbildung der deutschen Nation damals noch nicht vollendet war. Die deutschen Zuwanderer in Russland, umgeben von der Titelnation und Titelkultur, haben ihre mitgebrachte Kultur (Traditionen und Brauchtum) teilweise konserviert, teilweise sich assimiliert. Und so tragen ihre Nachkommen eine einmalige Sammlung von nationalen Eigenschaften in sich, die eine Zukunft hat. Das wird nach wie vor durch die Erhaltung der Russlanddeutschen in den GUS-Staaten verstärkt.

 

Anhand von zahlreichen Beispielen beweisen Sie, dass „die Literatur kann das ethnische Weltbild insgesamt und die jeweilige Gattung ein bestimmtes Fragment der Ethnie widerspiegeln“. Wie soll man das verstehen? Was schließt der Begriff „ethnisches Weltbild“ ein? Warum gibt es, Ihrer Meinung nach, eine Wechselbeziehung zwischen der Gattung und dem ethnischen Weltbild der Russlanddeutschen? Was erklärt diese Wechselbeziehung?

 

Ein Literaturwerk bzw. ein Kunstwerk ist immer ein Weltmodell. Die Literatur widerspiegelt die Wirklichkeit und in bestimmten Literaturgattungen auch bestimmte Formen der Realität. So stellt ein Idyll das ruhevolle Leben im Schoße der Natur dar und eine Elegie vermittelt den Zustand der Schwermut, Traurigkeit und Verzweiflung am Leben...

Eine literarische Gattung ist nicht nur ein Typ eines Werkes, sie hat die Fähigkeit, das ästhetisch-philosophische Gedächtnis der Epoche aufzubewahren, sie ist mir dem Denkprozess des Autors, ja sogar des Volkes verbunden. Das ethnische Weltbild bedeutet, wie eine Ethnie die Welt wahrnimmt, welche Vorstellung sie von sich selbst und der Umgebung hat. Die Erforschung der ethnischen Prozesse ist eine der Konstanten des 20. Jahrhunderts, und in der modernen Welt ist das Interesse zur Erforschung der Nationalweltbilder besonders aktuell.

In meiner Forschungsarbeit stütze ich mich auf die Konzeption des ethnischen (ethnokulturellen) Weltbildes, eines nationalen Weltbildes, die in der Wissenschaft in sehr verschiedenen Aspekten angewandt wird: ästhetisch-philosophische und literarische, kulturelle, psychologische, linguistische oder psychologisch-linguistische.

Auf Grund von literarischen, historischen, publizistischen oder epistolaren Quellen habe ich versucht, das ethnische Weltbild der Russlanddeutschen zu rekonstruieren. Seine grundlegenden Elemente können folgendermaßen beschrieben werden: die Erkenntnis, von einer fremden Umgebung umgeben zu sein; die Existenz mittendrin in einer anderen Ethnie; das Bestreben zur Autonomie, Absonderung; die Priorität der Statik über der Dynamik; das Gefühl „Nirgendwo in der Heimat“ zu sein oder „überall eine Heimat“ zu haben; die genetische Angst vor der Vertreibung; der Zustand einer dauerhaften Verwundbarkeit, Anfechtbarkeit; die Angst aus dem Mittelmaß herauszuragen; ein erhöhtes Interesse zur pflanzlichen Symbolik (schwache Pflanzen, Pflanzen ohne Wurzeln); ein zugespitzter Wunsch nach einer gerechten Behandlung, einem gerechten Verhalten gegenüber der eigenen Ethnie; das Bestreben, die Eigenart/Besonderheit der eigenen Ethnie hervorzuheben; das bestreben zur Integration innerhalb der eigenen Ethnie. In der Dissertation werden auch die grundlegendsten nationalen Begrifflichkeiten und Schlüsselbegriffe der Russlanddeutschen wie “das Heim”/“die Heimat”, “die Angst” (wegen der Verwundbarkeit), “der Weg”, “die Verbannung”, “das Recht”, “die Gerechtigkeit”, “die Hoffnung” definiert.

Die Gattung und das ethnische Weltbild stehen sich als (geistige) spekulative, historisch geprägte Erscheinungen typologisch sehr nahe. Deshalb ziehen sich ihre Elementen an und stehen in einer flexiblen Wechselbeziehung zueinander. Besonders zugespitzt kommt diese Wechselbeziehung in historisch schwierigen und komplexen Perioden zum Ausdruck. Und so ist die russlanddeutsche Literatur der zweiten Hälfte des 20. - Anfang des 21. Jahrhunderts besonders ausdruckstark und bedeutungsvoll für die Erforschung der Wechselbeziehung von Gattungs- und ethnischen Prozessen und Merkmalen, weil sie mitten in einer sehr komplexen Zeit für die Volksgruppe stattgefunden hat, wobei sich das ethische Weltbild stark veränderte und das Volk begann Gattungsmodelle zum Ausdruck ihrer nationalen Erlebnisse, ihres Seelenzustandes und ihrer Emotionen zu schaffen. Zum Beispiel indem es zu demselben Idyll griff, um die erträumte Realität darzustellen, oder zur Elegie, um sich die schmerzhaften Gemütsregungen der Wirklichkeit von der Seele zu sprechen. Dabei bleibt die Auswahl der einen oder der anderen Gattung übernational und hat mit der ethnischem Eigenart nichts zu tun.

 

Der fertigen Monographie ging eine vielfältige Recherche voraus, und zwar grenzenübergreifend. Wie und wo haben Sie für Ihre Doktorarbeit recherchiert? Welche Quellen haben Sie verwendet?

 

Die Suche nach künstlerischen und wissenschaftlichen Quellen zum Thema der russlanddeutschen Literatur erforderte schon eine besondere Methode. Als ich 1995-1998 meine Kandidatendissertation zur russischen Poesie des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts vorbereitete, wusste ich ganz genau, wo ich die Texte für die Erforschung suchen konnte. Das waren die Sammelwerke der russischen Dichter des 19. Jahrhunderts, akademische Serienausgaben wie „Dichterbibliothek“ oder „Literaturdenkmäler“. Die Werke in diesen Publikationen sind des öfteren mit aufschlussreichen, ausführlichen Kommentaren zur Geschichte ihrer Entstehung und Verwendung versehen. Die Manuskripte von Schukowski, Batjuschkow und anderen russischen Dichtern habe ich in der Manuskriptenabteilung der Russischen Nationalen Bibliothek in St. Petersburg erforscht.

Mein neues Thema zur Literatur der Russlanddeutschen, das sich 1998 noch mit der Kandidatendissertation überschnitt, forderte oft meine ganze wissenschaftliche Einbildungskraft und bedeutet vor allem unendlich viel Sucharbeit vor dem eigentlichem Erforschungsprozess. Denn unsere Literatur ist in ihrer Gesamtheit wenig zugänglich, nicht systematisiert, verstreut in verschiedenen Büchern, Sammlungen, Zeitschriften, Almanachen und Zeitungen...

Dass ich all diese Hürden meistern konnte, verdanke ich meinem Kommunikationsvermögen und meiner Leidenschaft für die Sache. Viele Reisen (Arbeit in Bibliotheken, Teilnahme an Konferenzen), tägliches stundenlanges Surfen im Internet mit Briefesschreiben und Annoncen – im Endergebnis hatte ich zahlreiche Kontakte zu russlanddeutschen Autoren, den Verwandten der verstorbenen Schriftsteller, den Verlagen, Literaturvereinigungen sowie gesellschaftlichen Organisationen der Russlanddeutschen in Deutschland und der GUS aufgebaut... Im Endergebnis erhielt ich an meine Privatanschrift einige Hundert Bücher, Zeitschriften und Zeitungen mit Werken russlanddeutschen Autoren!

Selbstverständlich arbeitete ich mit viel Elan in den Bibliotheken von Almaty, Moskau und Minsk. Im November saß ich zum Beispiel abwechselnd im Fonds des Russisch-Deutschen Hauses in Moskau und in der Russischen Staatlichen Lenin-Bibliothek. Das war wie eine Kontrastdusche – ein Gefühlsbad von russischen und deutschen mentalen Empfindungen und Wahrnehmungen! Ein Tag in der Lenin-Bibliothek mit ihrem traditionell russischen Schwung... und einer Riesenfülle von Büchern.... der Rote Platz ist durch die riesigen abgebröckelten Fenster zu sehen... In der Bibliothek wurde gerade renoviert. Die grünen Tischlampen – wie zu Zeiten des russischen Kultstreifens «Moskau traut den Tränen nicht»....

In der Lenin-Bibliothek erwachte in mir alles Russische (obwohl kein Tropfen russischen Blutes in mir fließt – drei Viertel deutscher Abstammung, ein Viertel jüdischer, aber in der russischen Umgebung konnte man sich der Anziehungskraft der russischen Kultur nicht entziehen). Umgeben von Bücherstapeln, erfüllte mich die Begeisterung vom Eintauchen in dieses Meer des Wissens so stark, dass ich ab und zu den Lesesaal verlassen musste, um die Emotionen im Freien loszuwerden und durchzuatmen...

Und am nächsten Tag arbeitete ich im Russisch-Deutsche Haus, in seiner Kammerbibliothek mit dem weißen Eurodesign und den geordneten Regalen. Thematische Trennmarkierungen, klare Aufschriften. In den kurzen Pausen schaute ich in der Halle eine deutschen Filmnovelle. Disziplin, Ordnung, Ruhe, Bestimmtheit, europäisches Komfort – das alles schaffte in der Seele einen Gefühlsmix von Achtung, Zufriedenheit, Genugtuung und Bewunderung. Ich gehöre zu den glücklichen Russlanddeutschen, die sich wohl fühlen in der russischen wie auch in der deutschen Umgebung.

Nach der langwierigen Suche und zielgerichteter Kontaktaufnahme stand das aufmerksame Durchforsten der Quellen an, ca. 711 Einzel- und Sammelbände russlanddeutscher Autoren sowie Periodika (Zeitschriften, Zeitungen) und andere Publikationen (z.B. Almanache) Deutschlands, die in Russland, Kasachstan und anderen Ländern erscheinen. Außerdem wurden zahlreiche Manuskripte von K. Ehrlich, I. Hergenroether, R. Leinonen, J. Kaib, N. Runde, H. Wormsbecher, W. Wanke, E. Wenz, O. Gwin und anderen russlanddeutschen Autoren sowie Dutzende Audiokassetten, CDs mit Aufzeichnungen von Liedern (W. Kusema, S. Janke, V. Gergenreder) wie auch die Internetsaiten russlanddeutscher Autoren und elektronische Literaturalmanache verwertet. Eine wichtige Informationsquelle war der aufschlussreiche Briefwechsel mit Robert und Irina Leinonen (Lauscha), Herold Belger (Almaty), Waldemar Weber (Augsburg), Nadja Runde (Dingolfing), Nelli Wacker (Köln), Konstantin Ehrlich (Hamburg), À. Ditzel (Hamburg), Hugo Wormsbecher (Moskau), R. Kessler (Rostow/Don), Ju. Gerlowin (Stuttgart), J. Kaib (Berlin), A. Schmidt (Berlin), I. Hergenroether (Berlin), S. Janke (Memmingen), um nur einige zu nennen.

Auch die sämtliche Bibliographie zur russlanddeutschen Kulturgeschichte gehörte zum Forschungsmaterial. Meine besondere Aufmerksamkeit galt den speziellen bibliographischen Publikationen, gewidmet dem Thema der Russlanddeutschen – von dem systematischen Verzeichnis von R. Hubergritz bis zu den jüngsten Ausgaben. Eine der renommiertesten unter diesen Publikationen ist zum Beispiel das Verzeichnis «Russlanddeutsche. Die vaterländische Bibliographie 1991-2000. Das Verzeichnis der neuesten Literatur zur Geschichte und Kultur der Deutschen aus/in Russland», das in Moskau herausgegeben wurde (Verfasserin T. Tschernowa). Ich habe auch die bibliographischen Publikationen der Sowjetzeit sowie sämtliche bibliographische Studien zur Frage der Integration der Aussiedler in Deutschland und das Leben der Deutschen Minderheit in Russland, die in Deutschland herausgegebenen bibliographischen Nachschlagebücher zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen. Zu den erforschten bibliographischen Quellen gehören auch die modernen deutschen und österreichischen Publikationen zur Literaturkunde.

Diese Nachforschungen haben gezeigt, dass in der Welt der Wissenschaft der russlanddeutschen Literatur äußerst wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Unter den Werken verschiedener wissenschaftlicher Richtungen dominieren vor allem geschichtliche Studien, ethnographische Forschungen zu Ansiedlungsregionen der Russlanddeutschen. Auch der Anteil der politischen, religiösen und musischen Nachforschungen ist relativ groß. Es gibt seltene Versuche, die Mentalität der Russlanddeutschen zu ergründen. Der Prozentsatz der Quellen zu russlanddeutschen Literatur ist ziemlich gering, dabei dominieren Angaben über kritische Arbeiten und Erwähnungen über die Literaturseiten in der Periodika.

 

Verschiedene Gattungen der russlanddeutschen Lyrik stehen im Mittelpunkt ihrer Studie und Analyse. Welche Gattungen haben Sie denn unter die Lupe genommen und zu welcher Erkenntnis sind Sie gekommen?

 

Die Gattungen sind in meiner Arbeit in drei große Gruppen unterteilt. Die erste umfasst lyrische Gattungen mittleren Umfangs. Hier werden das Lied und seine Gattungsarten untersucht, fernerhin das Idyll, die Elegie, die Botschaft. Zur zweiten Gruppe gehören die lyrisch-epischen und epischen Gattungsarten, insbesondere das Poem, die Fabel, die Ballade, der Schwank. Und schließlich umfasst die dritte Gruppe große Gattungsformen wie Buch, Zyklus, experimentelle und religiöse Gattungen (Auszug, Gebet, Psalm), aber auch feste Gattungsformen wie Sonett, Sonettkranz, Haiku, Spruch, Dreizeiler, Vierzeiler und Achtzeiler.

Wie ist es zu diesen Gattungsgemeinschaften gekommen? Die Erforschung der Quellen zeigte, dass in verschiedenen historischen Perioden die Russlanddeutschen die einen oder die anderen Gattungsformen oder gar Gattungsgruppen bevorzugt gepflegt haben. Zum Beispiel in den Jahren 1941-1956, einer historisch und mental besonders schwierigen Zeitspanne, ist die emotionale Zuwendung zu den mittelgroßen lyrischen Gattungen zu verzeichnen, besonders zum Lied, das sich zudem noch leicht im kollektiven Bewusstsein einprägte. Der mittelgroße Umfang der Gattungsform erforderte keine besonderen Bedingungen für das Entstehen des Textes, die lyrische Tonart ermöglichte einen entsprechenden Gefühlsausdruck. 1957-1990 in der Zeit der Erkenntnis, des Begreifens der Vergangenheit treten die lyrisch-epischen und epischen Gattungen in den Vordergrund, die dafür geeignet sind, die historische und soziale Thematik zu erfassen. Auch in den Jahren 1991-2006, in einer Zeitspanne der Resignation und des Aufbruchs verstärkt sich das Interesse für die großen konzeptuellen und raffinierten Gattungsformen, was an und für sich eine Tendenz zur Erneuerung der russlanddeutschen Literatur signalisiert. Die russlanddeutschen Dichter bevorzugten in verschiedenen historischen Zeitperioden entsprechende Gattungsmodelle, unter anderem auch deshalb, um ihre ethnischen Bestrebungen auszudrücken, aber meist doch aus rein künstlerischen Gründen. So kommt es nicht selten vor, dass das Schaffen eines Autors alle drei Gattungsgruppen aufweist.

 

Ganz sicher war es auch nicht einfach, ganz verschiedene Autoren aus unterschiedlichen Generationen und Literaturrichtungen einer einheitlichen Idee unterzuordnen. Welche Autoren kamen für Sie in Frage?

 

Insgesamt habe ich das Schaffen von etwa 406 russlanddeutschen Autoren der zweiten Hälfte des 20. - Anfang des 21. Jahrhunderts untersucht. Wohlgemerkt, um an ein relativ objektives Forschungsergebnis zu kommen, soll ein Wissenschaftler nicht nur das Werk der Autoren der ersten Reihe unter die Lupe nehmen, sondern auch die sogenannten Massenautoren, die in der Regel behutsam die Gattungsformen und Stilmethoden nachahmen. Somit habe ich ein reiches Forschungsmaterial für meine Studie nicht nur den bereits bekannten Dichtern, sondern auch den zahlreichen Massenautoren abgewinnen können....

Unsere Literatur darf stolz sein auf eine Reihe von talentierten Autoren wie beispielsweise Viktor Schnittke, Robert Weber, Waldemar Weber, Igor Hergenroether, Lia Frank, Alexander Schmidt, um nur einige zu nennen. Jeder der erwähnten Dichter nimmt einen würdigen Platz in der heutigen Literatur der Russlanddeutschen ein. Die Liste kann fortgesetzt werden. Aber auch der Beitrag der sogenannten Massenautoren ist Gold wert. Ein gewisser Boom der Erinnerungsliteratur in den letzten Jahrzehnten, als viele gebildete Vertreter der Volksgruppe begonnen haben, Memoiren und Erinnerungsbücher zu verfassen, im Bestreben, den Nachkommen das Erlebte oder das noch im Unterbewusstsein Eingeengte zu vermitteln, ein gemeinsame Kulturlandschaft des ethnischen Gedächtnisses zu schaffen, ist zweifelsohne einzigartig und liefert dem Erforscher wertvollste Informationen.

Ich erforsche die russlanddeutsche Literatur als einheitliches Subjekt, auch die Gattungsprozesse betrachte ich als einheitlichen geschlossenen Prozess. Aber selbstverständlich wird auch die Individualität jedes einzelnen Autors berücksichtigt. Außerdem ist in den letzten Jahrzehnten die Erneuerung der russlanddeutschen Literatur so immer sichtbarer - es treten neue Namen in die Literaturszene, neue Themen kommen hinzu und literarische Methoden werden vielfältiger...

 

Wie gehen Sie mit der „Zweisprachigkeit“ der Literatur der Russlanddeutschen um, die schon vor Jahren für kontroverse Diskussionen in den russlanddeutschen Medien in der Sowjetunion und später auch in Deutschland sorgte?

 

Die Russlanddeutschen sind in ihrer Mehrheit bilinguisch. Und das ist ihre die Besonderheit als Ethnie. Das bevorzugte Verwendung der deutschen oder der russischen Sprache hängt nicht zuletzt auf vom Wohnland ab. Für die russlanddeutsche Ethnie ist die deutsche Sprache als Muttersprache primärer als die erworbene russische Sprache. Aber laut der Meinung von Herold Belger kann man auch mit der russischen Sprache zur Entwicklung der russlanddeutschen Literatur beitragen. Die Zweisprachigkeit im Alltag unterscheidet sich deutlich von der künstlerischen Zweisprachigkeit. In der russlanddeutschen Literaturszene kommen folgende Arten der Sprachverwendung beim literarischen Schaffen vor:

1.               Eine vollständige (zweiseitige) Zweisprachigkeit.

Als Vorzeigebeispiel dient in dieser Hinsicht die literarische und publizistische Tätigkeit von Konstantin Ehrlich. Hier ein Zitat aus dem Briefwechsel mit ihm: “Ich habe es nicht mehr in Erinnerung, ob ich die Skizez über Suleimenow auf Russisch oder auf Deutsch geschrieben hatte. Beide Sprachen sind bei mir Arbeitssprachen, so dass ich manchmal nicht mehr weiß, in welcher Sprache das eine oder das andere geschrieben wurde; Russisch und Deutsch beherrsche ich in etwa gleichem Maße; bei mir hängt die Auswahl der Sprache vom Thema ab, zu dem ich schreibe, oder vom Auditorium, das als Zielgruppe gedacht ist.”.

Es können auch Unterschiede im deutschsprachigen und russischsprachigen Schaffen desselben Autors aufweisen. So zum Beispiel haben die Gedichte von Viktor Schnittke in deutscher Sprache aus meiner Sicht einen komplexeren Stil und sind in größerem Maße mit einer philosophischen Problematik gesättigt, als seine Gedichte in russischer Sprache. Es gibt auch Unterschiede bei der Darstellung von Raum und Zeit in der deutschsprachigen und russischsprachigen Lyrik von Schnittke.

2. Die unvollständige (einseitige) Zweisprachigkeit.

Entweder der Schriftsteller verfasst seine Werke größtenteils hauptsächlich in deutscher Sprache, wobei er die russische Sprache beherrscht und aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt (Johann Warkentin). Oder der Schriftsteller verwendet in seinem Schaffen bevorzugt die russische Sprache, wobei er die deutsche bei den Übersetzungen aus dem Deutschen ins Russische verwendet (Robert Leinonen).

3. Einsprachigkeit.

Der Autor arbeitet nur in einem Sprachraum (Igor Maier), weil er Deutsch nicht in Perfektion kennt. Der Autor schreibt nur auf Deutsch, weil er Russisch nicht beherrscht (Nelli Däs).

 

Die Poesie steht im Mittelpunkt Ihrer Studie, welche Rolle spielt die Prosa?

 

In meiner Studie steht die Prosa für den Hintergrund. Ich wende mich an Beispiele aus den Prosawerken, zitiere sie, vergleiche sie mit der Poesie. Erfreulich, dass die Beobachtungen und Erkenntnisse, die sich dabei aus der Prosa ableiten lassen, meine Ergebnisse auf dem Gebiet der Lyrikanalyse sehr wohl bestätigen. So finden sich in der Erzählung von Reinhold Schulz “Ïåðåêàòè-ïîëå” fast alle Komponente des ethnischen Weltbildes der Russlanddeutschen!

 

Welche Entdeckungen haben Sie gemacht? Wie hat diese Forschung Ihre ursprüngliche Vorstellung von der Literatur der Russlanddeutschen geändert?

 

Ich würde gerne zu diesem Punkt die Meinung der Leser hören, vor allem der russlanddeutschen. Das Manuskript wird derzeit vom Prof. Oleg Kling rezensiert. Danach trage ich eventuelle Korrekturen in den Text ein und das Buch wird dann druckreif sein...

Als Literaturwissenschaftlerin habe ich in meiner Studie vor allem den Mechanismus der Wechselwirkung zwischen den Gattungen und ethnischen Prozessen festgestellt. In der Literatur der Russlanddeutschen hat sich ihre Mentalität eingeprägt (eingegraben) – diese Hypothese bedurfte einer Bestätigung, das war das Ziel meiner Studie, die meines Wissens die erste komplexe analytische Forschung der Literatur der Russlanddeutschen dieser Periode ist.

Durch den Forschungsprozess sind in das aktive wissenschaftliche Forschungsfeld viele bisher unbekannte Namen miteingezogen worden. In einer Vergleichsanalyse wird nachgewiesen, dass sobald die Gattungen vom Kraftfeld des ethnischen Weltbildes herangezogen werden, werden die einen oder die anderen Gattungsmerkmale verstärkt, oder aber sie behelfen sich der Elemente, die für diese Gattungen entweder nicht typisch oder weniger kennzeichnend sind. Die Analyse zeigt, dass die Zuwendung zu bestimmten Literaturgattungen in der russlanddeutschen Poesie ethnisch begründet ist. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen den historischen Ereignissen und der Lage der Ethnie einerseits und der Pflege bestimmter Gattungen andererseits. Ein Beweis für die schrittweise Wiedergeburt der Literatur der Russlanddeutschen ist eine bemerkbare Entwicklung einer Gattungslandschaft.

 

Welche weitere Aspekte wären aus Ihrer Sicht für die zukünftige Erforschung der Literatur der Russlanddeutschen interessant?

 

Die Literaturkunde unterteilt sich als wissenschaftliche Disziplin in grundlegende und behelfsmäßige Disziplinen. Zu den grundlegenden gehört die Literaturgeschichte, Literaturtheorie und Literaturkritik, zu den behelfsmäßigen die Bibliographie, Quellenkunde und Textforschung.

Die Literaturgeschichte der Russlanddeutschen ist eine am meisten erforsche Ebene. Zur Erforschung verschiedener Abschnitte auf diesem Gebiet haben unter anderen Friedrich Schiller, E. Repina, Victor Klein, Dominik Hollmann, Waldemar Ekkert, A. Dulson, David Wagner, Hugo Wormsbecher, Johann Warkentin, Herold Belger und andere Wissenschaftler und Kulturträger beigetragen. Aber heute ist die zeit dafür reif, um verschiedene einzelne Sichten und Konzeptionen, die nicht selten weit auseinander driften, zusammenzufügen und ein komplettes Bild der Literaturgeschichte der Russlanddeutschen zu schaffen.

In meiner Arbeit habe ich versucht, in gewissem Maße die theoretisch-literarische Lücke in der Forschung der Literatur der Russlanddeutschen zu füllen. Ich bin davon überzeugt, dass eine umfassende Forschung der russlanddeutschen Poesie im Kontext des ethnischen Weltbildes auch für andere Zeitperioden notwendig ist, dasselbe gilt auch für die Prosa.

Die Literaturkritik ist laut Herold Belger ein wunder Punkt in der Literatur der Russlanddeutschen. Wobei Belger selbst ein brillanter Kritiker ist, es gibt auch andere würdige Namen aus der Reihe der älteren Generation auf diesem Gebiet... Das ist ein Bereich der Literaturkunde, der im Grunde eine Legierung von Wissenschaft und Kunst, Literatur und Literaturkunde ist, und dazu berufen ist, die Werke nicht zu analysieren sondern sie einszuschätzen (einzuschätzen oder Einszuschätzen ?) zu bewerten, und ist deshalb immer stark gefordert. Es bleibt uns also auf Kritiker der neuen Generation zu warten.

Heute braucht die Forschung der Literatur der Russlanddeutschen mehr Textforscher. Es steht eine riesige Arbeit in diesem Bereich bevor – es ist notwendig, eine akademische Anthologie der Literatur der Russlanddeutschen herauszugeben mit wissenschaftlichem Kommentar, frühen und späteren Textredaktionen, Übersetzungsvarianten. Auch die Erforschung der russlanddeutschen Literatur an der Grenze von Literaturkunde und anderer Disziplinen wie Kulturkunde, Kunstwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaft oder Linguistik bleibt immer spannend und aktuell.

 

Welche Frage würden Sie sich stellen in Zusammenhang mit der Doktorarbeit?

 

Sehr viel... Aber zuerst zu den Menschen, die mich dabei begleitet haben! Ihnen möchte ich meinen aufrichtigen Dank sagen.

Unschätzbar war die Unterstützung meines Mannes, er hat sich wie kein anderer mein Forschungsanliegen zu Herzen genommen, und es mit ständiger Teilnahme erleichtert. Viele Autoren kennt er inzwischen beim Namen, macht sich mit jeder Neuerscheinung bekannt, die mich über Grenzen erreicht. Auch die Doktorarbeit hat er bereits gelesen. Das Familiebudget wurde mit Berücksichtigung meiner zahlreichen Dienstreisen geplant. Selbstverständlich haben wir beide viel gearbeitet, um uns übers Wasser zu halten. Ich bitte Gott, dass Viktors langjährige freiwillige Opferbereitschaft ihm auch in Zukunft Gesundheit und Kraft gibt...

Auf meinem Forschungsweg bin ich vielen hervorragenden Menschen begegnet, und ich bin dem Schicksal dankbar dafür. In erster Reihe ist das Herold Belger, mein geistiges Vorbild, ich lernte ihn 2001 bei einer wissenschaftlichen Konferenz der Deutschen Kasachstans kennen. Er nennt mich seine Enkelin und ich bin sehr stolz darauf. Ich besuche ihn oft in seiner Wohnung in Almaty, wo die Regale mit russlanddeutscher Literatur nicht in der eigentlichen Wohnung stehen, sondern auf dem beglasten Balkon. Herold Karlowitsch scherzt, dass er die Bücher der russlanddeutschen Autoren untergebracht habe, weil die Russlanddeutschen daran gewöhnt sind, ausgesiedelt zu werden. In der Tat haben die Bücher dort ebenso gemütlich und sind in geordnetem Zustand, wie die anderen auch.

Ein herzlicher Dank gilt Irina Leinonen, der Ehegattin und engagierten Sekretärin von Robert Leinonen – ein Beispiel außergewöhnlicher Selbstlosigkeit und Großherzigkeit. Dank den Kontaktadressen und Personen, die sie mir vermittelte, bin ich an wichtige Quellen gekommen, wie zum Beispiel die Monographie von Lubow Kirjuchina (die mir von Sonja Janke zugeschickt wurde), Bücher verschiedener Autoren, Zeitschriften, Manuskripte und CDs.

Das Schicksal führte mich mit der russlanddeutschen Kinderdichterin Nadja Runde zusammen, einer feinfühligen und teilnahmsvollen jungen Frau, und mit ihrem Verleleger (Verleger oder Verlegleger ??), einer bewundernswerten Persönlichkeit Robert Burau, der mir vorgeschlagen hat, meine Monographie bei ihm zu verlegen...

Auf dem Literatursymposium in Moskau 2004 lernte ich den Dichter und Verleger Waldemar Weber kennen, wo ich mit dem Vortrag über die künstlerische Welt seines Buches «Scherben» auftrat - so trafen sich der Dichter und die Forscherin. Und 2006 haben wir uns wieder getroffen auf einem Symposium, wo ich die Arbeitsgruppe “Russland – Westen – Osten: Dialog der Kulturen” leitete und einen Vortrag über das ethnische Bild der Russlanddeutschen hielt: Die Gruppenteilnehmer durften Waldemar Weber live erleben...

Meine Dankbarkeit gilt dem Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Prof. Dr. phil. Oleg Kling, dem Literaturwissenschaftler und Kritiker Prof. Dr. phil. Viktor Badikow, dem Schriftsteller, Kritiker, Redakteur, Dr. phil. Konstantin Ehrlich, dem Vorsitzenden des Deutschen Gebietszentrums „Wiedergeburt“ in Karaganda Viktor Kist, den Verlegern Alexander Barsukow, Alfred Büngen, Margret Gsella und vielen anderen hilfsbereiten Menschen.

Meine ehemalige Kommilitonin Tatjana Melnitschenko, eine sehr versierte Philologin, hat sehr eindringlich meine sämtliche Studie gelesen, und ich vertraue ihrem Stilgefühl..

Das Interesse für die russlanddeutsche Chanson brachte mir die Bekanntschaft mit dem Moskauer Erforscher der Chanson Viktor Soldatow ein. Die Theorie der Chanson ist wenig erforscht und Viktor beschäftigt sich derzeit damit. Als Ergebnis dieser Bekanntschaft kam ein Interview mit Viktor Soldatow zustande, das in der Petersburger Zeitschrift «ChansonjeR» veröffentlicht wurde.

Bei der Untersuchung des Einflusses der japanischen Form Haiku auf die russlanddeutsche Poesie fand ich den Weg in den Club der Freunde der japanischen Poesie...

Ich finde vor allem die Facettenvielfalt faszinierend, die mit der Gedanken- und Gefühlstiefe einhergeht. Ich strebe gerade diese Weltempfindung an. Für mich wäre es nichts Schlimmeres als eine engstirnige, beschränkte Anhängerin bzw. Befürworterin eines bestimmten Kunstgebiets zu werden – ich liebe die Bewegungsfreiheit und ich bin gern eine Grenzgängerin, wobei es immer gut tut, zu dem bereits Erforschten zurückkehren zu dürfen. Für mich ist es wichtig, zu einem bestimmten Kreis von Fachleuten und Kennern zu gehören, die sich einer besonderen Welt widmen, durch gemeinsame Facetten mit ihr in Berührung kommen und doch die Freiheit genießen, auch in anderen Kulturräumen, die nicht weniger faszinierend sind, zu wandeln.

 

In Deutschland, dem einst vermissten Mutterland, ist die Literatur der Autoren aus der ehemaligen Sowjetunion auf dem Weg nach vorne, der zwar weit und beschwerlich ist, aber nicht hoffnungslos. Welche Aussichten gibt es in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion? Sie haben die russland-deutsche Ausgabe der Zeitschrift Amanat vorbereitet. Wer wurde da vorgestellt? Was war das Ziel und die Botschaft der Publikation?

 

Die Zeitschrift “AMANAT”, deren Redakteur der bekannte Romanautor, Präsident des Internationalen Abai-Clubs Rollan Seisenbajew ist, hat ihr eigenes einmaliges Konzept, das so genannte Nowhow. Das ist die Zeitschrift der Literaturen der Völker der Welt.

Ich hatte das Glück, Mitglied des Redaktionskollegiums dieser hervorragenden Publikation zu sein. Eines Tages kam Rollan Seisenbajew nach Karaganda und wir kamen auf das Thema Russlanddeutsche zu sprechen. Rollan ist ein Weltbürger, eine freidenkende und tief fühlende Persönlichkeit. Er schätzt die Vielfalt der Kulturen, Religionen, Mentalitäten, literarischen Richtungen und Gattungen. Er freute sich sofort, die Russlanddeutschen als als eine selbstständige Ethnie betrachten zu können, die sich sowohl von der russischen als auch von der deutschen unterscheidet, und dass ihre Literatur an Kraft gewinnt. So kam dann die Ausgabe der Zeitschrift “AMANAT” zustande, gewidmet der Literatur der russlanddeutschen Autoren, die in Deutschland leben. Wir, Bewohner der GUS, haben unsrene (??) Kollegen in der historischen Heimat einfach die Druckfläche überlassen, damit ihr Schaffen auch (muss 1 mal!) andere Leser kennen lernen.

In der russlanddeutschen “AMANAT’-Ausgabe wurden die Prosa von Robert Leinonen, Alexander Reiser, Swetlana Felde, Johann Kaib, Wladimir Eisner und Konstantin Ehrlich, die Poesie von Waldemar Weber, Wladimir Hess, Alexander Schmidt, Agnes Giesbrecht, Nadja Runde, Heinrich Kirschbaum, Igor Hergenroether, Johann Bähr, Viktor Heinz, und Konstantin Ehrlich, die Literaturkritik von Alexander Reiser, Agnes Giesbrecht und Nadja Runde vorgestellt.

 

Der Literaturkritiker Herold Belger bezeichnete Ihre Studie als „Eine unikale, aktuelle Forschungsarbeit, die einen mächtigen Impuls zur Entwicklung der Literatur gibt, die durch des Schicksals Fügung am Scheideweg des Geistes steht“. Erscheint Ihre Monographie auch in deutscher Sprache? Wie sehen Sie die Entwicklung der Literatur der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland? Zwar sind die deutschschreibenden Autoren sprachlich angekommen, bis sie jedenfalls auf dem Büchermarkt konkurrenzfähig sind, ist noch ein weiter Weg... Wie sehen Sie diese Konstellation? Welche Chancen haben aus Ihrer Sicht diejenigen, die Russisch schreiben?

 

Vorläufig wird die Herausgabe der Monographie auf deutsch nicht geplant, aber das könnte spannend sein. Die Splitterung der Russlanddeutschen, die ein Massenausgang mit sich gebracht hat - in solche, die in Deutschland leben, und diejenigen, die in der GUS geblieben sind - kann zum heutigen Zeitpunkt trotzdem nicht ändern, dass beide Gruppen immer noch zu einer Volksgruppe und einer Schicksalsgemeinschaft gehören. Die Literatur der Russlanddeutschen wird aus meiner Sicht angesichts ihrer Besonderheit einen eigenen Entwicklungsweg gehen, indem sie sich aus der russland-deutschen bikulturellen Tradition nährt. Bei den Russlanddeutschen in der GUS wurde der russische Einfluss die Oberhand ergreifen, bei denen in Deutschland der deutsche Einfluss. Denn das wichtigste für die Literatur, für den Autor und seine Texte – ist der Leser. Für die Autoren, die in Deutschland leben, ist es wichtig, in deutscher Sprache zu schreiben, um an einen breiteren Leserkreis zu kommen und auch die Aufmerksamkeit der einheimischen Leser zu gewinnen. Und diejenigen, die Russisch schreiben, sollten ihre Werke in der russischen Periodika in Russland veröffentlichen und sich auf den russischen Markt wagen. Andere Wege zur Anerkennung, und jeder Schriftsteller und Dichter möchte das, gibt es nicht. Sich nur an die eigenen Zielgruppe oder auch an das sämtliche russischsprachige Auditorium in Deutschland zu wenden, bedeutet sich selbst einzuengen und letztlich zum Stillstand kommen.

Die Konkurrenzfähigkeit unserer Literatur in der Zukunft ist ziemlich wahrscheinlich. Dafür sollten sich die Russlanddeutschen langsam auch aus den Fängen der ausgesprochen nationalen Thematik befreien. Indem sie in ihre Innenwelt eintauchen, schöpfen die Russlanddeutschen aus ihrer geistigen Vergangenheit eine neue, mächtige Energie. Heute ist die Literatur der Russlanddeutschen erst auf dem Weg dahin.

 

 

 

Îïóáëèêîâàíî 13.07.2008